Wie fühlt es sich an, wenn ein Haus Geschichten erzählt, die Jahrzehnte und Ideologien trennen – und doch miteinander verknüpft sind? Und was hat das mit uns zu tun?
In ihrer letzten Unterrichtsstunde im Fach Geschichte begaben sich am 18. Juli 2025 die Klassen FW 11B und FS 11B, begleitet von Herrn Salomon und Frau Meinold-Pohlmann, auf eine außergewöhnliche Spurensuche in Nürnberg. Im Rahmen eines interaktiven Video-Walks durch das „Haus der Frau L.“ tauchten die Schülerinnen und Schüler in zwei kontrastreiche Lebensgeschichten ein, die sich auf beklemmende Weise im selben Gebäude kreuzen – ohne sich je zu begegnen.
Das Projekt „Das Haus der Frau L.“, unterstützt von der Hertie-Stiftung und „Geschichte für Alle e. V.“, wurde entwickelt vom LOCI-Kollektiv, das mit künstlerischen Mitteln Erinnerungsorte schafft und dabei immersive, multimediale Aufführungen entwickelt, die sich an der Grenze zwischen Theater, Ausstellung, Audio Walk und Augmented Reality befinden. „Das Haus der Frau L.“ ist dementsprechend ein multimedialer, alle Sinne ansprechender Rundgang durch eine Villa im Nürnberger Norden. Hier folgten die Teilnehmenden den Spuren zweier Frauen: Emilie Löb, die in der NS-Zeit entrechtet und verfolgt wurde, deren Mann in der Reichspogromnacht 1938 in der Villa ermordet wurde und deren Söhne im Vernichtungslager Majdanek starben, sowie Gabriele Lehmann, „Ganoven-Gabi“, eine spätere Juristin mit NSDAP-Vergangenheit, die nach dem Krieg in eben jenem Haus lebte.
Die Schülerinnen und Schüler bewegten sich durch die originalen Räume des Hauses, während sie über Kopfhörer und mit ihrem Smartphone persönliche Erzählungen hörten, szenische Elemente sahen sowie originale Dokumente und Bekleidung in die Hand nehmen und anziehen durften. Die immersive Gestaltung ermöglichte eine intensive Auseinandersetzung mit Themen wie Verfolgung, Mitläufertum, Verantwortung und Erinnerungskultur.
Der Besuch im „Haus der Frau L.“ war mehr als ein gewöhnlicher Unterrichtsgang – er war eine eindrucksvolle Reise in die Vergangenheit, die persönliche Schicksale mit gesellschaftlichen Entwicklungen verknüpfte. Die Schülerinnen und Schüler verließen das Haus nicht nur mit neuem Wissen, sondern auch mit der Frage nach dem eigenen Handeln in schwierigen Zeiten und mit der Bedeutung historischer Erinnerung in der Gegenwart.
Marion Meinold-Pohlmann